Freude, weil es einfach unglaublich groovy ist, mit einem Schwein auf dem Sofa beim Fernsehen zu sitzen und mit ihm die Kartoffelchips zu teilen. Stress – nun, da gibt es dann viele Gründe. Einer der ersten Stressfaktoren, die auftauchen, besteht in dem Problem, mit dem Tier eine Vereinbarung zu treffen, wo es ok ist, sich zu erleichtern und wo nicht. Ein zweites Problem besteht darin, dass Mensch und Schwein über die Benutzung der Wohnungseinrichtung grundsätzlich verschiedene Auffassungen haben und man dem Schwein sehr schwer eine einmal gefasste Meinung wieder ausreden kann, ohne darüber in ernsthaften Streit zu geraten.
Aber das waren alles Kleinigkeiten für uns, im Vergleich zu der Herausforderung, einen neuen Lebenskontext zu finden, in dem es keine Verrücktheit darstellt, überhaupt ein Schwein zu halten: Das geht nur auf dem Land. Punkt. Ab da blieb uns schlicht und einfach gar keine andere Möglichkeit, als eine Zeitlang unsere komplette Energie einzig und allein diesem Zwischenziel zu widmen, und es gab absolut kein zurück, denn das Schwein war nun mal da und wurde jeden Tag größer.
Ich glaube, ohne das Schwein hätten wir vielleicht nie diese Energie der Verzweifllung aufgebracht, die letztlich bewirkte, dass wir nach Jahren intensiver Suche das richtige Haus fanden. (Und außerdem hatte ich dann plötzlich wie durch ein Wunder zum ersten Mal in meinem Leben echtes Geld verfügbar. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.)
Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass Sie von dem Moment, an dem Sie die Verantwortung für ein Tier übernehmen, anders denken und andere Prioritäten setzen müssen. Und damit sind Sie auf dem besten Weg, sich vom Stadtleben zu verabschieden und ein paar Dinge zu lernen, die man nur erfährt, wenn man sich wirklich auf dieses Abenteuer einlässt.
Ein Tier zu halten (wenn wir mal Goldfisch, Katze und Hund außen vorlassen, denn das wäre zu leicht), wird Ihnen ganz automatisch einen Lebensmodus auferlegen, der schon sehr nahe an einen bäuerlichen Lebensstil kommt, der wiederum unter Gesichtspunkten der Preparedness weitaus näher an unser Ziel heran kommt, als es ein Leben in der Stadt je bieten kann.
Von hier aus können Sie nämlich ausbauen: Wohnen Sie erst einmal auf dem Land und haben Sie Ihr Leben, Ihre zeitlichen Abläufe, Ihre häusliche Organisation drinnen und draußen so organisiert, dass Sie dort ein Tier halten können, dann könnten Sie wahrscheinlich ohne zu große Aufwände auch noch ein paar Hühner dazu nehmen oder eine Ziege, wenn es die Verhältnisse erfordern. Je mehr Tiere Sie haben, desto weniger andere Dinge können Sie natürlich nebenher tun. Aber vielleicht wird es in der Zukunft eine Zeit geben, in der viele unserer derzeitigen Berufe ohnehin keinen Sinn mehr machen. Tierhaltung kann unsere Anbindung an einen „nachhaltigen“ Lebensstil unserer Vorfahren darstellen. Auf jeden Fall bekommt man durch eine Art von „Grounding“, die in der Stadt kaum möglich ist. Übrigens auch eine Art der inneren Zufriedenheit, die ich in der Stadt auch nie kennengelernt hatte.

Wollte ich ein wenig verallgemeinern (und ohne Verallgemeinerungen lohnt sich das Schreiben sowieso nicht), dann würde ich behaupten, dass die Anschaffung eines Schweins den Turboantrieb für meinen Ausstieg aus dem Leben im Ballungsraum bedeutete. Das wusste ich damals noch nicht, und ich hätte ab da auch keine Zeit mehr gehabt, darüber nachzudenken. Denn seit wir unsere Elsbeth bekommen hatten, bestand unser Leben nur noch aus zwei Komponenten: Eitel Freude oder purem STRESS.
Kommentare
26. August 2011, 01:45 Uhr, permalink
hierundjetzt
Ein herrlicher Artikel, der zeigt, wie reich man belohnt werden kann, wenn man endlich genug Energie aufbringt, um aus dem Strom des Mainstreams auszubrechen. Ich überlege schon länger, endlich eigene Hühner anzuschaffen, ein Schwein hätte natürlich auch etwas ... auf dem Land wohnen wir zum Glück bereits ...
Viele Grüße
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