Survival ist die Kunst, in der Wildnis zu überleben. Zu den grundlegenden Fertigkeiten, die in den entsprechenden Kursen unterrichtet werden, gehören Feuermachen (ohne Feuerzeug natürlich), Bauen eines Unterstands, Spurenlesen, Kochen über offenem Feuer und dergleichen. Das, was man bei den Pfadfindern lernt, mehr oder weniger – nur eben für Erwachsene, garniert mit ein wenig "holistischem" Beiwerk, damit die Teilnehmer lernen, Mutter Erde in Zukunft zu respektieren.
Das ist schön, das ist nützlich, das schult ganz bestimmt den Charakter – doch wird es uns dabei helfen, das zu überstehen, was auf uns zu kommt? Ich möchte es bezweifeln. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Fukushima. Angenommen, Sie haben den Tsunami dank einer Mischung aus Glück und Survival-Instinkt gerade überlebt. Nun sitzen Sie, in Ihren Schlafsack eingehüllt, inmitten der Trümmer dessen, was einst Ihre Stadt war und haben mithilfe des Feuersteins, den Sie als Absolvent eines Survivaltrainings seitdem immer bei sich tragen, ein kleines Feuer zu starten. Drei Regenwürmer haben Sie auch schon gesammelt, die Sie jetzt auf einem selbstgeschnitzten Spieß ins Feuer halten. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es geschafft. Jetzt brauchen Sie nur noch darauf zu warten, dass die Rettungstrupps Sie finden.
Ein nächstes Problem könnte allerdings darin bestehen, dass keine Rettung kommt, weil die Helfer nicht zahlreich genug sind um überall zu sein. Aber gut, dafür haben Sie ja Survival geübt. Angenommen, Sie schaffen es, bei leichtem Schneetreiben ein paar Tage lang zu überleben und dann mit einem selbstgebauten Kompass endlich den Weg Richtung Tokyo zu finden: Da sitzen Sie nun in einer staatlichen Notunterkunft und fragen sich, womit Sie wohl in Zukunft Geld verdienen werden, nachdem die kleine Firma, in der Sie bisher gearbeitet haben, gerade dem Erdboden gleich gemacht wurde und das ganze Land gerade in die größte Rezession seit Kriegsende rutscht. Im Fernsehen sehen Sie – zwischen unzähligen SitComs – eine kurze Meldung, die besagt, dass eine Wolke von Radioaktivität inzwischen Ihren Weg auf Tokyo nimmt. Sie schlagen in Ihrem Survivalhandbuch nach, das Sie glücklicherweise wasserdicht verpackt in einer Tasche dabei hatten als der Tsunami kam … doch unter dem Stichwort "Radioaktivität" steht im Wesentlichen nur, dass es sich dabei um eine für den Menschen sehr unbekömmliche Strahlung handelt. Wie werden Sie jetzt aus der Krisenzone herauskommen? Wie werden Sie sich eine neue Existenz aufbauen?
Das Ende der Welt wie wir sie kennen wird für Jeden etwas anderes bedeuten:
Für die, die sich relativ ungeschützt im Zentrum einer der vielen zu erwartenden Katastrophen (Reaktorunfall, Tsunami, Erdbeben, Tornado) befinden, kann es einen mehr oder weniger sofortigen Tod bedeuten, der auch durch Survival-Kenntnisse nicht verhindert werden kann. Die einzige wirkungsvolle Vorbereitung für ein solches Ereignis würde darin bestehen, Zugang zu einem guten Bunker zu haben oder von vorneherein gar nicht erst dort zu sein.
Für diejenigen, die das Glück haben, von der Katastrophe nicht direkt betroffen zu sein, kann es den Zusammenbruch ihrer gewohnten Infrastruktur bedeuten – und damit oftmals auch den Verlust ihres Einkommens.
Für diejenigen von uns, die solche Katastrophen nur im Fernsehen erleben dürfen, könnte das Ende der Welt bedeuten, in eine immer enger werdende Spirale aus Minder-Einkommen, noch höheren Steuern, geringerer Bewegungs- und Reisefreiheit und rapide sich verschlechternder Umweltbedingungen gezwungen zu werden – inklusive aller Folgen, die sich daraus ergeben, wie zum Beispiel ein drastisches Abreißen der Nahrungsmittelkette. Wie können wir uns wirkungsvoll darauf vorbereiten? Die Fähigkeit, ein Feuer anzuzünden, dürfte dabei nicht wirklich ausreichen.
Survival im klassischen Sinn ist die Kunst, kurzfristig unter widrigen Bedingungen zu überleben. Das kann wichtig werden, zweifelsohne. Preparedness dagegen ist ein Lebensstil, der auf Kontinuität angelegt ist. Er bedeutet
- ein langfristiges Umschwenken auf eine andere Wohnsituation;
- das Aufbauen neuer Möglichkeiten zur Einkommenssicherung;
- Strategien zum Nahrungserhalt bzw. zur Erzeugung von Nahrung;
- Vermeiden schädlicher Umwelteinflüsse in Form von Giften, Strahlung oder Unwettern;
- langfristige Absicherung grundlegender Ressourcen wie Wasser und Nahrung;
- aber vergessen wir bitte auch nicht Methoden zur Stromgewinnung, denn ein Leben ohne Strom fiele zwar eindeutig in den Survival-Bereich, wäre aber sicher für die meisten von uns der Anfang des (wirklichen) Endes.
Preparedness, das Vorbereitetsein auf was-auch-immer, ist mehr als Survival. Es schließt eine Vorbereitung auf direkt einwirkende Katastrophen nicht aus, aber es umfasst auch noch ganz andere Strategien der Absicherung, und die Population der "Prepper" umfasst längst nicht nur Outdoor-Spezialisten, sondern auch Ehepaare a in ihren Fünfzigern, die sich von Papas Abfindung als leitender Manager in der Industrie nun ein Häuschen auf dem Land suchen, in dem sie so autark wie möglich leben.
Vielleicht wohnt nur ein paar hundert Meter weiter der reiche Erbe einer Großindustriellen-Familie, der sich ganz unauffällig einen zweistöckigen Bunker unter sein nach außen bescheidenes Heim hat bauen lassen und der dort unten mit hydroponischem Anbau exotischer Früchte experimentiert, die unter LED-Lampen der neuesten Generation wachsen und deren An- und Abschalt-Rhythmus genauso wie die korrekte Balance der Nährstoffe von einem Computer überwacht werden.
Zwei Kilometer enfternt wohnt vielleicht eine Interessengemeinschaft von Leuten, die zwar arbeiten müssen, dazu aber nie ihr Haus verlassen. Aus dem Büro im Souterrain betreiben sie eine Website mit großem Zulauf, die eine sehr spezielle Zielgruppe mit erstklassigen Informationen versorgt. Obwohl dem Normalbürger weithin unbekannt, existiert für diese Zielgruppe eine ganze Reihe von Produkten und Dienstleistungen, die auf dieser Website beworben werden. Von diesen Werbeeinnahmen lebt die gesamte Gruppe. Neben ihrer Haustür hängt ein ominöses Firmenschild: "Lone Eagle Limited".
In den seltenen Fällen, in denen all diese Leute ihr Haus verlassen (denn jeder von ihnen hat die Konsumgewohnheiten und den Lebensstil normaler Bürger längst hinter sich gelassen und daher kaum Anlass dazu), dann treffen sie möglicherweise ihre Nachbarn auf der biologischen Farm, von der sie alle regelmäßig einen Großteil ihrer Lebensmittel beziehen. Die Leute dort waren früher Habenichtse, doch sie beschäftigten sich schon früh mit der Kunst organischen Landbaus, und mittlerweile ist ihre Farm zum wichtigsten Versorger einer ganzen Community geworden. Unverseuchte Lebensmittel sind inzwischen eine begehrte Rarität, die man notfalls auch mit Goldmünzen bezahlt – ein Trend, der die ehemaligen "Freaks" inzwischen zu wohlhabenden und hochgeschätzten Mitgliedern ihrer Gemeinschaft gemacht hat.
Kürzlich haben die Leute von der Biofarm sogar angebaut: Nun wohnt auch Fred, der Amateurfunker, bei ihnen. Und man hat ihm sogar ein richtiges Büro eingerichtet, damit er Kunden empfangen kann. Zeiten, in denen weder das Internet noch das Telefon funktionieren, kommen jetzt nämlich immer häufiger vor, und manchmal ist Fred der Einzige weit und breit, über den man eine Nachricht an ein Netzwerk in einem weit entfernten Teil des Landes abschicken kann. Kürzlich, als es wieder einmal eine große Explosion gab, war Freds Funkstation der einzige Kanal, über den man erfahren konnte, welche Richtung die Giftwolken nehmen würden.
Wenn er nicht gerade seine Funk-Anlage betreibt, repariert Fred allerlei technische Geräte aus der Nachbarschaft, und damit ist er in weitem Umkreis bekannt geworden. Seit dem Zusammenbruch maßgeblicher Zweige der Großindustrie ist es nämlich fast unmöglich geworden, neue Geräte zu bekommen, zumal die gepanzerten UPS-Transporter immer häufiger von bewaffneten Straßenräuberbanden mit Spezialausrüstung geknackt werden.
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