Survivalismus oder Common Sense?
Liebe Leser,
lange hat’s gedauert, bis ich mich endlich wieder mit Muße an die Tastatur setzen konnte, um Ihnen diesen Newsletter zu schreiben. Es gibt halt auch für Publizisten ein „echtes“ Leben, und das ist manchmal voll mit mehr oder weniger trivialen Herausforderungen, die Aufmerksamkeit beanspruchen, weil sonst irgendwo etwas anbrennt. Zwischen Steuerbescheiden, Reparaturen am Haus, buchhalterischen Aufräumarbeiten, unerwarteten Todesfällen, Vorbereitungen für unser nächstes Seminar und der zweimonatlich wiederkehrenden Nexus-Redaktionsphase blieb einfach weder Zeit noch gedankliche Kapazität für einen Newsletter.
Zumal mein neuer Dienst Survivalscout 2012 auch noch ganz in der Aufbauphase steckt. Falls es genug Leser gibt, die sich dafür interessieren und sich die finanzielle Seite irgendwie über die Verkäufe im Mobiwellshop finanzieren lässt, würde ich diese Plattform gerne weiter ausbauen, auch in Form von Seminaren. Im Hintergrund arbeiten wir schon an der nächsten Erweiterung, und das kostet eben auch alles Zeit. Daher kann ich momentan leider nur gelegentlich einen neuen Newsletter verfassen.
Weltuntergang, täglich frisch
Vielleicht wäre es auch gut gewesen, ein wenig gedanklichen Abstand zu den Weltereignissen der letzten Wochen zu halten. Ich weiß nicht, wie weit Sie die entsprechenden Meldungen der alternativen Nachrichtenmedien verfolgt haben: Die Szene schien jedenfalls überzukochen mit „fresh doom“ – frischen Weltuntergangsnachrichten – aller Art, und da ich schon von berufswegen hier gerne ein wachsames Auge auf Websites wie Godlike Productions oder Above Top Secret halte, konnte ich mich in diesen Tagen auch selber nur schwer emotional ausbalancieren, denn schließlich starrte jeder gebannt auf das Datum 14. November, an dem einmal wieder der Weltuntergang beginnen sollte. Dies hatten, schon Monate zuvor, die Betreiber des Webbot-Projekts Halfpasthuman aus ihrer Software herausgelesen, und gruseligerweise hatten auch die Verlaufskurven von TimeWaveZero, einem Computerprogramm, das auf Terence McKenna zurückgeht, für dieses Datum einen fast identischen Umsturz in der Zeitqualität angekündigt.

Diagramm der Webbot-Software Halfpasthuman
In gewisser Weise ist es ja dann auch so passiert: Die Anzahl ängstlicher Beiträge in bestimmten Diskussionsforen wuchs kurz vor dem 14. ins Unermessliche, jeden Tag schien es gleich mehrere Ungeheuerlichkeiten zu geben, die niemand erklären konnte und die alle Unheil zu verkünden schienen. Gleich nach dem 14. November endete diese Welle dann und schlug in die von Clif High vorhergesagte "Entspannungssprache" um. Alles, natürlich ohne dass die Welt untergegangen wäre. Wodurch man sich jetzt fragen muss, ob nicht die Voraussagen selbst jene Wellen der Angst erzeugt haben, die von Halfpasthuman vorausgesagt worden waren und dann - oh Wunder! - tatsächlich in jener Zeitspanne fast die gesamte Community der Verschwörungsköpfe in ihren Bann schlugen.
Was ein weiteres Mal beweist, dass Voraussagen ein schwieriges Geschäft sind, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Doch wie Robert Anton Wilson es so treffend auszudrücken pflegte: Die Tatsache, dass du paranoid bist, bedeutet nicht, dass sie nicht hinter dir her seien. Auf unseren Kontext übertragen, würde er vielleicht sagen: Die Tatsache, dass ein paranoider Weltuntergangsprophet die Apokalypse falsch vorausgesagt hat, bedeutet nicht, dass sie nicht doch im Anmarsch ist. Daher nutze ich persönlich diesen nicht-eingetroffenen Weltuntergang dankbar als Atempause, um die letzten Vorbereitungen an unserem Haus zu treffen, die uns hoffentlich in die Lage versetzen werden, eine relativ breite Palette von Unbillen auszusitzen, ob es sich nun um einen kleinen Weltuntergang, einen Jahrtausend- oder nur um einen Jahrhundertwinter handelt.

Winterimpressionen aus Russland

Survival-Training? Alltag!
Zumindest diese Vorhersage scheint sich ja bisher als zutreffend zu erweisen: Bereits am 28. November, einer Jahreszeit, in der auch hier im Allgäu der Winter eigentlich noch kaum zu spüren sein sollte, verbrachte ich drei Stunden des Tages draußen mit der Schneefräse, in voller „Kampfausrüstung“ – wattierte Hose, Snowboots, Fellmütze – und kämpfte gegen die Elemente. Überhaupt relativieren sich in unserer Gegend die meisten 2012-Vorbereitungen auf schlichte Normalausstattung und Common Sense, die man ohnehin beide braucht: Ein Notstromaggregat hat unser Nachbar auch, obwohl er kein Survival-Freak ist. Er kennt halt einfach die berüchtigten Allgäuer „Schlagwetter“, bei denen die Stromversorgung durchaus mal zusammenbrechen kann. Und auch meine Schneefräse, die ich mir letztes Jahr zulegte und dann ein paar Wochen später gleich noch gegen das nächst-größere Modell tauschte, beeindruckt hier niemanden. Schließlich wohnen wir auf dem Berg, und wenn hier das Wetter richtig loslegt, dann ist das ohnehin schon ein wenig wie ein Weltuntergang. So bleibt man im Training, sage ich mir.

Master of the Allgau Elements
Ich persönlich kann nach wie vor eine Menge lernen, was konkrete "Survivalstrategien" oder eben nur normale Vorsichtsmaßnahmen angeht. Denken Sie also bitte nicht, ich wollte mich hier als Profi in diesen Dingen aufspielen – ich sehe meine Rolle eher als die eines Berichterstatters, der Ihnen schildert, wie man als Städter sich langsam auf die rauere Gangart des Lebens in der Pampa einstellt.
Kürzlich hatte ich für meine Frau und mich Konzertkarten für eine Veranstaltung in Ravensburg gekauft – unter günstigen Wetterbedingungen eine Fahrstrecke von einer Dreiviertelstunde und daher nichts, wo ich vorher irgendeine Art von Planung für notwendig gehalten hätte. Wir stiegen also, fein angezogen, ins Auto – die Tankuhr zeigte noch zwei Striche, und es war mir eigentlich klar, dass wir irgendwann noch würden tanken müssen. Allerdings waren wir schon etwas spät und die Straßen waren winterlich verschneit; so verzichtete ich aufs Tanken und fuhr direkt zum Konzert. Als wir dann um 23:30 wieder ins Auto stiegen, waren wir so in eine Unterhaltung vertieft, dass weder ich noch meine Frau daran dachten, gleich in Ravensburg nach einer Tankstelle zu suchen. Umso härter traf mich die Erkenntnis, als dann auf halbem Weg, etwa 35 km vor Immenstadt, plötzlich die akkustische Warnung des Bordcomputers anzeigte, dass ab jetzt noch für 29 km Sprit im Tank sei. Mir wurde sofort klar, dass wir hier möglicherweise ein ernstes Problem hatten: kurz vor Mitternacht auf einer verschneiten Landstraße, keine weitere Tankstelle vor Immenstadt. Ich griff instinktiv zum Handy, während ich noch überlegte, wen ich um Mitternacht notfalls aus den Federn klingeln. Doch leider hatte ich in der Eile zu Hause übersehen, dass der Akku des Handys leer war. Ein Griff ins Handschuhfach nach dem Autoladegerät erinnerte mich daran, dass wir vor dem letzten Werkstattbesuch zuletzt das Handschuhfach komplett geräumt hatten. Auch die Taschenlampe hatten wir herausgenommen und nicht wieder zurückgelegt.
Es war eine mondlose Nacht, und während ich mit versteinertem Gesicht auf die Straße starrte, stellte ich mir vor, wie wohl die Stelle aussehen könnte, in der uns dann endgültig der Sprit ausging. Der Bordcomputer zeigte mittlerweile 0 km Reichweite an; auf den letzten Kilometern sind Tankuhren meist recht ungenau. Das Navi zeigte aber nach wie vor beachtliche 23 km Fahrstrecke. Der letzte Teil der Bundesstraße von Ravensburg nach Immenstadt zeichnet sich bei gutem Wetter dadurch aus, dass er durch malerische Landschaften führt, immer sanft ansteigend und auf weite Strecken einfach quer über Land. In einer mondlosen Winternacht sieht man allerdings nur die links und rechts von der Straße aufgetürmten Schneeberge der Räumfahrzeuge, und wenn man hier ohne Sprit liegen bliebe, dann gäbe es so gut wie keine Stelle, um das Auto am Wegrand ausrollen zu lassen. Entweder bleibt man auf der schmalen Straße stehen und wird sofort zum gefährlichen Hindernis oder man entscheidet sich dafür, das Auto mit dem letzten Schwung in eine Schneewehe zu setzen, aus der man dann mit eigener Kraft garantiert nicht mehr herauskommt.
Ich fragte mich, wie viele Minuten es wohl dauern würde, bis der warme Innenraum komplett ausgekühlt wäre – das Außenthermometer zeigte minus 9 Grad. Meine Frau trug einen Abendrock mit Nylonstrümpfen. Auch ihre Schuhe waren für einen ausgedehnten Winterspaziergang absolut ungeeignet. Wir hatten zwar beide gute Mäntel dabei, aber die Kälte würde sehr bald die Beine hochkriechen. Ich fragte mich, wie viel Zeit ein Autofahrer wohl zum Reagieren hätte, wenn er mich in dieser mondlosen Nacht auf unbeleuchteter Straße in meinem schwarzen Mantel endlich im Schweinwerferlicht ausmachen würde. Und ich frage mich, ob es dann wohl besser sei, gleich freiwillig in eine Schneewehe zu springen als zu hoffen, dass ein Auto an einer engen Stelle der eisigen Fahrbahn mir ausweichen könnte. Früher hatte ich in ähnlichen Situationen lieber die Taschenlampe angeschaltet, wenn ich ein Fahrzeug kommen sah. Aber die Taschenlampe war ja leider zuhause geblieben.
Letztlich schafften wir es dann doch noch mit dem letzten Tropfen bis nach Hause. Als wir schon im Bett lagen, wurde mir klar, wie absurd und ironisch unser kleines Abenteuer doch gewesen war: Hier im Haus hatten wir genug Benzinvorräte für mehrere Tankfüllungen, Funkgeräte, Gasmasken, Geigerzähler, Notvorräte, Taschenlampen und alles, was man in den klugen Survival-Ratgebern aufgelistet findet. Doch noch eine halbe Stunde zuvor hätte es uns das Schicksal sehr leicht und ganz buchstäblich kalt erwischen können. Ich ärgerte mich über meine eigene Dummheit.
Als wir gestern abend bei dichtem Schneetreiben wieder für eine weitere Fahrt aufbrechen mussten, hatte ich einen Reservekanister im Kofferraum (den ich dort auch nicht mehr herausnehmen werde), eine Taschenlampe, ein aufgeladenes Handy und – nur für den Fall – auch einen zweiten Satz wintertauglicher Kleidung dabei. Kein großer Aufwand, wenn man es genau nimmt. Aber mir ist klar geworden, dass es eben dieses "genau nehmen" ist, das den großen Unterschied bedeuten kann. Es nützt nichts, wenn man einen Kanister voll Sprit, aber nicht daran gedacht hat, diesen Sprit periodisch immer wieder auszutauschen. Benzin hält sich nicht unbegrenzt, wussten Sie das? Genauso nutzlos ist eine gute Taschenlampe, wenn die Batterien darin ausgelaufen sind. Oder zehn Packungen Nudeln im Keller, wenn die Tomatensoße ausgegangen ist.

Ganz klar: Hier fehlt was!
Die letzten Wochen waren bei uns daher nicht nur gefüllt mit Vorbereitungen, sondern auch mit einem neuerlichem Prüfen, ob die alten Lagerbestände überhaupt noch das hergeben würden, was wir uns davon versprochen haben, als wir sie kauften. Dazu gehörten das Umfüllen bzw. Verbrauchen älteren Sprits genauso wie das Überprüfen des Ablaufdatums unserer Vorräte. Einige Produkte landeten dabei direkt in der Küche, um sie vor dem Verfall noch zu verbrauchen. Andere Dinge, wie die erwähnte Tomatensauce, wurden mir plötzlich erst als fehlend bewusst, und ich legte ein weiteres Mal lange Einkaufslisten mit Dingen an, die wir noch ergänzen müssen. Es fällt mir nicht ganz leicht, mich für solche Routine-Checks zu motivieren, aber Erfahrungen wie die neulich im Auto helfen dabei.

Sorge mit den richtigen Präfixen: Vor- und Be-
Was Kleidung anbelangt, habe ich mittlerweile zum dritten Mal in gute Handschuhe investiert, da die beiden anderen Paare sich als nicht warm genug herausstellten. Wenn ich wie heute mit der Schneefräse bei eisigem Schneegestöber die große Tour über unser Grundstück fahren muss, dann werden auch in guten Handschuhen die Hände schnell sehr kalt. Warum mache ich mir die Mühe, diese Banalität so ausführlich darzustellen? Weil ich dem Thema Winterkleidung spätestens ab da Priorität eingeräumt habe, als mir klar wurde, dass die Saga von der globalen Erwärmung eine hässliche Kehrseite haben könnte, und die heißt … Eiszeit. Und wie in allen Dingen, die mit Naturgewalten und generell mit "Draußen" zusammenhängen, gebe ich mir hier gerne eine längere Lernkurve und würde Ihnen dasselbe raten, falls Sie in Outdoor-Dingen nicht ohnehin vom Fach sind.
Dasselbe gilt übrigens auch für alle möglichen anderen Vorbereitungen, die man in punkto Krisensicherung unternimmt: Man kann sich erst auf sie verlassen, nachdem man sie ein, zwei mal erfolgreich getestet hat. Ich weiß, es klingt trivial, dies zu betonen. Aber worauf ich eigentlich hinaus will, ist der Ratschlag, nicht zu spät mit Ihren Vorbereitungen anzufangen, denn man braucht oft länger als man zuerst denkt, um die Dinge wirklich so zu organisieren, dass alles zusammenpasst und im Notfall flüssig funktioniert. Angenommen, es würde tatsächlich eine neue Eiszeit kommen: Was glauben Sie, wie lange wir wohl brauchen, um uns auch nur annähernd darauf einzustellen? In diesem Winter sind beispielsweise etliche Gegenden in Deutschland mit großen Schneemassen konfrontiert, die ansonsten eher einen milden Winter erleben. Wer hat in Köln schon eine Schneefräse? Da schippt man halt dann mit der Hand, und zwar stundenlang. Aber auch jemand wie ich, der sich vor zwei Jahren eine kräftige Fräse kaufte, nachdem er im Allgäu gelandet war, ist hier noch in der Lernkurve: Jetzt, im zweiten Winter, stelle ich beispielsweise fest, dass manche der Steine, die wir im letzten Sommer auf unserem Grundstück an verschiedenen Stellen platziert hatten („weil sie so hübsch aussehen“), sich im Winter als steter Quell der Überraschung entpuppen: Nämlich dann, wenn ich wenn ich sie unterm Schnee nicht sehe und mit laufender Fräse mal wieder voll dagegen fahre – rrrackazack!
Seien Sie also vorsichtig, wenn Ihnen ein Ratgeber-Buch das Leben auf dem Lande in den schönsten Farben ausmalt. Im Detail ist alles dann noch ein wenig verzwickter und kostenaufwändiger, als man sich das zuerst denkt. Für unser Schweinegehege sehe ich beispielsweise kommen, dass wir sogar noch ein viertes Mal umbauen müssen, um im nächsten Winter nicht schon wieder ein ergonomisches Desaster aus Kälte, Matsch, im Schnee übersehenen Elektro-Stolperdrähten und tief im Eis vergrabenen Futterschüsseln zu erleben, die man dann wie findet? Mit der Fräse natürlich – rattazong. Wieder 15 Euro fällig und ein Besuch im Tierladen.
Doch wenn es eine Problemlösung für den Winter gibt, die für mich sofort funktioniert hat, dann sind das meine neuen beheizbaren Innenhandschuhe, ohne die ich hier gar nicht mehr aus dem Haus gehe.
Hamstern bei Aldi

Die Nachrichten über weltweite Fehlernten sagen mir, dass es bei den zu erwartenden Preissteigerungen im Lebensmittelsektor ein durchaus vernünftiges Investment darstellen könnte, sich beizeiten mit langlebigen Produkten einzudecken, vor allem wenn es sich um hochpreisige Lebensmittel hoher Qualität handelt. Und genau das haben wir getan. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung, im Keller quasi eine maßstabsverkleinerte Version unseres lokalen Naturkostladens aufzubauen. Und für die Leute im Laden war es, glaube ich, auch eine neue Erfahrung, einen Kunden zu haben, der bei vielen Produkten immer gleich mehrere Gebinde orderte – was den Chef veranlasste, mir spontan einen netten Rabatt anzubieten, solange ich seine Waren kartonweise einkaufe. Über mehrere volle Einkaufswägen hinweg fängt das schnell an, sich zu rechnen, ganz abgesehen von der Annehmlichkeit, im Bedarfsfall einfach mal schnell in den Keller gehen zu können, anstatt in die Stadt fahren zu müssen, um Nachschub zu holen.

Unten: Naturkostabteilung, oben: Chateau d'Aldi
Generell hatte ich über die letzten Monate folgende Bevorratungsstrategie entwickelt: Einkäufe von hochpreisigen Nahrungsmitteln mit hohem Energiegehalt aus dem Naturkostladen, wie zum Beispiel Nussmuß, Honig, Pesto, Sirup etc. haben wir über längere Zeitstrecken gedehnt, weil hier schnell ein paar tausend Euro zusammenkommen. Dies sind gleichzeitig die Produkte, bei denen wir ein besonderes Auge auf das Haltbarkeitsdatum halten, und die wir tunlichst immer wieder aufbrauchen und frisch nachkaufen. Dabei haben wir auch gelernt, dass es keinen Sinn macht, hochpreisige Lebensmittel zu horten, die man nachher eigentlich gar nicht so häufig essen mag, und die deshalb verfallen. Es lohnt sich hier also, ein wenig genauer zu beobachten, was man tatsächlich braucht und was nicht.
Was preisgünstige „Allerwelts-Lebensmittel“ und andere Haushaltsprodukte wie Klopapier und Putzmittel angeht, machten wir über längere Zeit Testkäufe bei Discountern wie Aldi oder DM, um herauszufinden, welche Produkte uns in Ordnung zu sein schienen und welche „verdächtig“ schmecken. Bei DM beispielsweise ist unser Eindruck, dass manche Produkte der Naturkost-Abteilung muffig schmecken, und daher selbst bei günstigem Preis für uns eher unattraktiv sind. Bei Aldi wiederum stellten wir fest, dass einige wenige Produkte, zum Beispiel die Kartoffelchips aus der „Knabber“-Kategorie, so gut wie gar keine verdächtigen Zusatzstoffe aufwiesen und sich auch beim Verzehr „neutral“ anfühlten, während viele andere Lebensmittel wie erwartet die notorischen Beigaben enthielten. Aber es gibt bei Aldi eben auch rühmliche Ausnahmen, die nicht nur preiswert, sondern auch „absolut ok“ sind. Dazu gehören meiner Meinung nach die Cashewnüsse, die geschmacklich keinen Vergleich mit dem Naturkostladen scheuen müssen, aber preislich Welten entfernt sind, sodass man ruhig gleich zwei Gebinde in den Wagen stellen kann, ohne damit die Haushaltskasse zu knacken. Wir verbrachten insgesamt viel Zeit mit dem Studium der kleingedruckten Packungshinweise und mit dem Testen einzelner Käufe zu Hause. Nachdem wir uns dann über unsere Präferenzen klar waren, „schlugen wir zu“.
Für absolute Notlagen haben wir außerdem einen Vorrat kondensierter Notrationen mit langer Haltbarkeit, u.a. auch Wasser in eingeschweißten Tüten, angeschafft. Geschmackliche Überlegungen ließen wir hier außen vor, stattdessen stand im Vordergrund die Haltbarkeit und Kompaktheit. Diese Lebensmittel bilden unseren „eiserne Reserve“ und sind vom Umlauf ausgenommen.

Nicht schön, aber sicher: Notrationspakete
Der diskrete Charme der "Russenläden" 
Für meine Frau, die aus der Ukraine stammt, ist solche Vorratshaltung übrigens auch wieder ganz normal und sie wundert sich, wie viel Aufhebens ich darum mache. Sie erzählt mir, dass man in ihrer Familie die Zeit des Zusammenbruchs der Sowjetunion allein durch die vorher gut gefüllte Vorratskammer überleben konnte.
Durch meine Frau habe ich bei meiner Suche nach geeigneten Lebensmitteln zum Einlagern übrigens noch eine kleine Entdeckung gemacht, die ich gerne an Sie weitergebe: Es könnte ja sein, dass Sie, genau wie wir, im Laufe der Zeit einen Abscheu vor haltbar gemachten Lebensmitteln entwickelt haben, deren Aufkleber diverse Geschmacksverstärker, Farbstoffe, „natur-identische“ Aromastoffe und andere chemische Leckereien ausweisen. Wenn Sie also fest entschlossen sind, nur Dosen und Gläser einzubunkern, die nicht mit derlei „modernen“ Zutaten bereichert sind, dann werden Sie wahrscheinlich ähnlich ratlos wie wir vor dem Regal im Supermarkt stehen. Ok, im Naturkostladen bekäme man manches sicher auch ohne die besagten Konservierungsstoffe, aber erstens kosten die Lebensmittel dort deutlich mehr, und zweitens gibt es dort schlicht nicht alles, was man unter dem Aspekt der Lagerungshaltung braucht. Eine größere Auswahl an haltbar gemachten Gemüsen beispielsweise, oder auch Obst, bekomme ich nicht im Naturkostladen. Und wenn ich die Etiketten im Supermarkt studiere, vergeht mir der Appetit.

Konservenregal im "Russenladen"
Da erwies es sich als wahre Erleuchtung, zur Abwechslung in einen „Russenladen“ zu gehen. Meine Frau bekommt dort verschiedene Sachen, die sie aus der Heimat kennt, und geht daher ohnehin ab und an gerne dort einkaufen. Mir waren diese Läden bisher eher suspekt, da man dort meist auf jegliche optische Verschönerung verzichtet und stattdessen jene Unterklassen-Ästhetik pflegt, die man auch von Aldi oder aus Türkenläden kennt. Aber Vorurteile beiseite: Seit unserem letzten Steuerbescheid habe ich Rechnen gelernt und muss zugeben, dass man zumindest einen Teil des Haushaltsbedarfs durchaus in Aldi-Läden decken kann, ohne qualitative Einbußen in Kauf nehmen zu müssen – ganz besonders, seit ich meinen Einkaufswagen bis zum Erreichen des natürlichen Böschungswinkels vollpacke. (Testen Sie beispielsweise mal den Rotwein dort. Ich war jedenfalls positiv überrascht und habe seitdem mehrere Flaschen „Chateau Aldi“ gebunkert – rein für Notfälle natürlich, wie ich meiner Frau versichern musste, die Alkohol verabscheut und mich immer gleich verdächtigt, auf dem Weg zum Alkoholiker zu sein, wenn ich mir alle paar Wochen mal eine Flasche aufmache.)

Auch im Russenladen lohnt ein Blick aufs Etikett - und ein Geschmackstest
Aber zurück zum Russenladen: In Russland, sagt mir meine Frau, schätzt man seit jeher die Kunst des Einweckens. Lebensmittel in Gläsern und Dosen sind hier gang und gäbe, denn man weiß aus Erfahrung, dass es im Leben durchaus auch Phasen geben kann, in denen der Nachschub stockt. Daher weckt man in guten Zeiten ein, was die Dose hält bzw. die Gummidichtung des Glases. Und da Russland noch immer nicht ganz die wunderbaren Standards unserer westlichen Kultur erreicht hat, kennt man dort anscheinend auch noch nicht so viele Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker wie hier, im Land von BASF und Bayer Chemie. Die Lebensmittel im Russenladen scheinen mir jedenfalls, abgesehen von einigen Dingen, die ich „bäh“ finde, erfreulich solide und für meine derzeitigen Zwecke sehr geeignet. Was Dosennahrung angeht, verzichte ich gerne auf „zartschmelzendes Aroma“ zugunsten einer soliden Bohnensuppe, die noch dazu nur einen Bruchteil dessen kostet, was ich dafür im Naturkostladen zahlen würde und jeglicher nahrungsmittel-chemischer Ingenieurskunst entbahrt, die mit Sicherheit bei der Suppe im deutschen Supermarkt im Preis mit inbegriffen wäre. 2012-mäßig sind Russenläden daher cool.
Jetzt überlege ich, ob ich mir nicht vielleicht noch ein Ural-Motorrad mit Beiwagen kaufen sollte, für den Fall, dass die nächste Sonneneruption den Bordcomputer meines Toyota Prius ins elektronische Nirwana grillt.

Bis zum nächsten Mal!
Ihr
Thomas Kirschner
Newsletter 5, Dezember 2010
Kommentare
03. Februar 2011, 15:34 Uhr, permalink
greenone
Hier gibts ein paar Tipps bzgl. Auto fahren im Winter: www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,734972,00.html
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