Elektro-Bikes als interessante Alternative
Das Rad, das Sie auf dem Bild sehen, werden Sie übrigens im Geschäft kaum finden, denn ich habe es selbst zusammengestellt. E-Bikes, die man fertig kaufen kann, sind nämlich durchweg teuer, lahm und schwer. Dadurch wirken sie ungefähr so sexy wie eine Kaffefahrt für Rentner. Außerdem: ein „Fully“ – also ein vorne wie auch hinten gefedertes Rad – werden Sie ohnehin nicht bekommen, es sei denn, Sie sind bereit, astronomische Beträge auf den Tisch zu legen.
Sparen Sie sich lieber einen Teil dieses Gelds und kaufen Sie sich einen Umbausatz, den Sie dann in das Fahrrad Ihrer Wahl einbauen. Das geht recht leicht, wie ich selbst feststellte, als ich mich dranmachte, mein Canondale-Fully umzurüsten. Alles in allem bin ich mit dieser Lösung extrem zufrieden. Und es gibt hier im Umkreis eine steigende Zahl von Fahrradfahrern, die sich wahrscheinlich vage daran erinnern, kürzlich mal von einem blauen Fahrrad überholt worden zu sein, und zwar mit einer Geschwindigkeit, von der sie nur träumen können.
Mein chinesischer Bafang-Motor hat nämlich 500 Watt – soviel Leistung bekommen Sie von keinem Pedelec. Die sind nämlich gesetzlich auf 250 Watt Leistung begrenzt. Und mein Akku hat bärenstarke 36Volt und 9,6 Ah. Neuerdings existieren sogar Versionen mit knapp 12 Ah. Das erhöht die Reichweite, die aber auch schon bei meinem Akku ca. 25 km beträgt.
Falls Sie jetzt auch in Erwägung ziehen, sich ein solches Fahrrad zu bauen, dann interessieren Sie vielleicht auch noch meine folgenden Tipps:
Rechtliche Problematik
Sie bewegen sich mit einem solchen per chinesischem Bausatz umgerüsteten Fahrrad in der rechtlichen Grauzone. Pedelecs sind per Gesetz in der Leistung auf 250 Watt begrenzt. Alles darüber ist ein „E-Bike“ und bedarf der Zulassung und der Versicherung. Zwar gibt es auch TÜV-geprüfte Bausätze anderer Hersteller. Die sind aber deutlich teurer. Und wenn Sie brachiale 500 Watt Leistung haben wollen oder brauchen, dann bleibt Ihnen nur der Bafang-Nabenmotor. Natürlich könnten Sie rein theoretisch beim TÜV eine Betriebszulassung für ein solches Fahrzeug beantragen, und wenn Sie die hätten, könnten Sie ein Nummernschild dafür beantragen und wären rechtlich aus dem Schneider. Allerdings dürften Sie damit dann auch nicht mehr auf Fahrrad- oder Wanderwegen fahren. Ob Sie die TÜV-Zulassung bekommen können und zu welchem Preis/Aufwand entzieht sich meiner Kenntnis. Mein eigenes Rad hat sie nicht, und daher würde ich als gesetzestreuer Bürger natürlich nie drauf kommen, mit so einem Rad herumzufahren, außer auf meinem eigenen Gelände. Entscheiden Sie ab hier bitte selbst.
Warum so stark?
Wozu braucht man überhaupt so viel Leistung? Nun, das kommt u.a. darauf an, wo Sie wohnen, bzw. was Sie mit dem Fahrrad vorhaben. Wenn Sie auf dem flachen Land wohnen, ist ein herkömmliches Pedelec vielleicht für Sie ausreichend. Im Allgäu, wo wir wohnen, geht es ständig steil auf und ab. Und da hört mit einem Pedelec der Spaß schnell auf. Meine Frau und ich hatten uns mal interessehalber Pedelecs ausgeliehen, aber das Fahrerlebnis damit war absolut kein Vergleich zu meinem eigenen Geschoss. Und als wir am ersten amtlichen Berg ankamen, war für meine Frau die Sache mit dem Pedelec erledigt, denn ohne richtiges Treten kommt man auch mit Pedelec keinen Berg hoch. Mit dem Bafang-Motor fahre ich fast jeden Berg ohne mit der Wimper zu zucken, notfalls sogar im höchsten Gang und mit nur einer Hand am Lenker. Das ist eben er Unterschied zwischen gut und böse. Mein Fahrrad ist böse. Und das ist gut.
Pedelec vs. E-Bike
Beim braven Pedelec existiert eine Technik, die den Motor nur Kraft geben lässt, sobald man auch selbst in die Pedale tritt. Beim E-Bike ist das anders: Da gibt es meist einen kleinen Hebel, den man mit der Hand betätigen kann, um dem Motor das Kommando zum Anschieben zu erteilen. Und/oder eine kleine Magnetscheibe am Tretlager, die dem Motor anzeigt, wann Bewegung in die Pedale kommt – was dann für den Motor als Startsignal dient. Beim Pedelec hängt die Motorleistung von der Stärke des eigenen Einsatzes ab: Für nichts bekommt man auch nichts, und je fester man tritt, desto stärker schiebt auch der Motor. Beim E-Bike schiebt der Motor auch ohne Eigenleistung. Ich selber würde mich von der Pedelec-Sensorik gegängelt fühlen: Wenn ich schon einen Motor habe, dann soll er bitte auch arbeiten, selbst wenn ich selber keine Lust dazu habe.
Gefahrenpotential
Das ist beim E-Bike gegeben, machen wir uns nichts vor. Der Controller des Bafang-Motors unterscheidet wie gesagt nicht zwischen schwachen und starken Pedaltritten. Wenn er schiebt, dann schiebt er. Das kann einen durchaus in Schwierigkeiten bringen, und daher haben die Hersteller des Bausatzes sinnvollerweise zwei Abschaltmechanismen eingebaut. Zum Einen schaltet der Motor ab, wenn die Magnetscheibe am Tretlager keine Bewegung mehr verzeichnet.

Das Problem hier liegt aber in der Verzögerung: Von da, wo ich die Pedale still halte bis da, wo der Motor abschaltet, könnte durchaus eine halbe Sekunde vergehen. Und in der kann sehr viel geschehen ...
Der zweite eingebaute Sicherheitsmechanismus besteht in einer sofortigen Abschaltung der Motorleistung, sobald einer der beiden Bremshebel gezogen wird. Das funktioniert sehr gut und damit wäre die Sicherheit meiner Ansicht nach ausreichend gewährleistet. Wäre da nicht noch ein anderes Problem …
Als nämlich ein rad-begeisterter Freund mich besuchte und meinen neuen Renner bestaunte, stieß er sehr bald einen Schreckensschrei aus, als er meine konventionellen Backenbremsen sah, die mein Canondale bis dahin hatte. „Du willst dieses Geschoss mit solchen Bremsen fahren??!,“ war seine fassungslose Frage. „Bei der Power, die du ab jetzt da von hinten bekommst? Blos nicht!“
Kurz und gut: Ein paar Tage später hatte ich seine alten, aber sehr bewährten Scheibenbremsen dran – die bremsen das Rad auch auf einem steinigen Allgäuer Bergweg sicher ab. Ich hatte mittlerweile mehrere Fahrten, bei denen ich sehr, sehr dankbar über diese Bremsen war.

Nur: Scheibenbremsen benötigen spezielle Bremsgriffe. Aber die Bremsen des Bafang-Umbausatzes sind nur für konventionelle Backenbremsen gemacht. Bei Griffen für Scheibenbremsen lassen sich die elektrischen Abschalter für den Motor nicht anbringen. Zwar habe ich gerüchteweise gehört, dass begabte Bastler auch hier eine Lösung gefunden hätten, aber ich selbst habe sie bisher nicht.
Die beiden Kabel zur Motorabschaltung per Bremshebel enden bei mir derzeit im Nichts.

Das bedeutet: Mein Motor hört erst dann zu schieben auf, wenn die Magnetscheibe am Tretlager keine Bewegung mehr meldet, also wenn ich die Pedale still halte. Aber, wie gesagt, ist hier eine kleine Verzögerungszeit einzurechnen. Im normalen Betrieb ist das kein Problem. Im Gelände kann man damit aber durchaus unerwünschte Überraschungen erleben. Daher habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, in solchen Situationen (zum Beispiel wenn es in steinigem Gelände steil bergab geht), den Motor vorher abzuschalten, damit ich nicht im entscheidenden Moment vom eigenen Motor aus der Kurve geschoben werde.
Überhaupt habe ich mir angewöhnt, den Motor sofort abzuschalten, sobald ich vom Rad steige, denn ich hatte mehrere Erlebnisse, bei denen der Sensor den Motor anschaltete, als ich daneben stand und den Lenker nur locker in der Hand hatte. Effekt: Das Rad „stieg“ steil nach oben und crashte mir danach ins nächstgelegene Mobiliar – einmal war’s ein Tisch in einem Biergarten.
Umbau
Wenn Sie all diese Warnungen noch nicht umstimmen konnten, dann ist der Rest der Geschichte ab hier schnell erzählt und wirklich kein Problem mehr. Den Motor bekommt man fertig in die Felge eingespeicht vom Importeur des Motors. Man muss also lediglich das Rad einbauen, den Kontroller, den Akku und die elektrischen Leitungen anbringen und fertig ist das Ebike. Alles in allem dürften zwei Stunden Bastelei ausreichen.
Fahrvergnügen
Enorm. Und absolut kein Vergleich mit einem herkömmlichen Pedelec. Es gibt so gut wie keinen Berg, den Sie mit diesem Fahrrad nicht befahren können. Und zwar im höchsten Gang und ohne sich groß anzustrengen.
Reichweite
Bei wirklich starken und ausdauernden Steigungen entlang der Strecke rechne ich mit 20 km, um auf der sicheren Seite zu bleiben. Der größere Akku mit 12 Ampèrestunden bringt angeblich nochmal 30 Prozent mehr Fahrtstrecke.
Kosten
Je nach Akku und Motorstärke um die 900 Euro – ohne Fahrrad.
Fazit
Wenn Sie ein unauffälliges Fluchtfahrzeug suchen, das Sie lautlos aus der direkten Gefahrenzone bringt, dann ist ein E-Bike meiner Ansicht nach die optimale Wahl. Auch in einem Krisenszenario verstopfter Straßen oder bei Fahrverboten würde ein solches Bike eine hervorragende Option darstellen. Damit im „normalen“ Leben in der Stadt herumzufahren oder einzukaufen halte ich für problematisch. Einerseits ist da der rechtliche Aspekt. Zum anderen sind die Gefahrenmomente in der Hektik des Stop-and-Go-Verkehrs bei einem solchen Bike doch nicht zu unterschätzen, vor allem wenn Sie den Bausatz in Kombination mit Scheibenbremsen einsetzen wollen, bei denen die vom Hersteller vorgesehene Abschalt-Funktion durch die Bremshebel verloren geht. Die Kraft des Motors ist sehr hoch, das sollte man nicht vergessen. Daher macht es in meinen Augen auch nur Sinn, diesen Bausatz in ein hochwertiges Rad einzubauen, das in allen seinen Komponenten dieser Kraft gewachsen ist.
Es könnte sich lohnen, ein paar Gedanken auf Mobilität im Krisenfall zu verwenden. Man weiß natürlich nicht, was kommt, aber vorstellen könnte ich mir: verstopfte Straßen, ausverkaufte Tankstellen, Fahrverbote für Kfz und/oder durch EMP geschrottete Elektronik in modernen Fahrzeugen. Auch hier sind den finanziellen Aufwänden natürlich keine oberen Grenzen gesetzt. Schick und klug wäre es sicherlich beispielsweise, für den Notfall ein altes Auto oder einen Trekker mit Dieselmotor und möglichst wenig Elektronik auf dem Hof stehen zu haben, der notfalls auch mit Heizöl fährt und keine Elektronik aufweist, die durch einen Sonnensturm zerstört werden kann. Ein Fahrzeug dieser Art wäre auf jeden Fall noch auf meiner Wunschliste. Aber bei verstopften oder blockierten Straßen kommt man damit natürlich auch nicht weit. Deshalb hatte ich früher jahrelang immer ein vollgetanktes Geländemotorrad im Keller stehen. Aber mittlerweile habe ich eine geräuschlosere Option: ein Elektro-Fahrrad.
Kommentare
23. Juni 2011, 12:51 Uhr, permalink
greenone
zu erwähnen bliebe sicherlich noch, dass ein gutes Fahrrad generell eine gute Fluchtmöglichkeit ist und in post-apokalyptischen Zeiten neben Pferden (sofern noch am Leben) dass Fortbewegungsmittel schlechthin sein dürfte. Empfehlenswert wäre es noch Reparaturen zu beherschen und genügen Ersatzteile zu haben, insbesondere Verschleißteile wie Schläuche, Mäntel, Bremsbeläge, Züge, Ketten.
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